Analog gestartet und digital gelandet

Die I.D.A. App: Ein digitales Instrument schafft Überblick und Unterstützung

Am Anfang war die Projektidee, ein Assessment gemeinsam mit Praxispartnern zu entwickeln – am Ende entstand eine Webapplikation, die viel mehr als das leistet.​

2017 startete an der Fakultät Gesundheit der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg das Projekt EIBeMeB. Dabei schätzten ein Team aus Wissenschaftler*innen und Praxispartnern die gesundheitlichen und pflegerischen Bedarfe ein, die Menschen mit geistigen und/ oder mehrfachen Beeinträchtigungen in stationären und ambulanten Wohneinrichtungen in der Region Braunschweig haben; ein praktisch anwendbares Instrument sollte dazu herausgearbeitet und getestet werden. Die beeinträchtigten Menschen entwickeln sich im Laufe ihres Lebens dynamisch weiter und mit ihnen muss auch ihre Gesundheitsvorsorge, pflegerischen Bedarfe und gesellschaftliche Teilhabe ständig weiterentwickelt werden.

Frau Professorin Martina Hasseler und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Lina Stölting hatten zum Ziel, mittels dieses Einschätzungsinstruments Unterstützungsmaßnahmen für die Zielgruppe besser planbar zu machen. Die Praxispartner zu Projektbeginn waren die Evangelische Stiftung Neuerkerode sowie die Lebenshilfen in Braunschweig und Wolfsburg; ein Jahr später kam noch das Klinikum Wahrendorff hinzu. Die Arbeitslast war und ist hoch in pflegerischen Berufen. Dennoch haben sich zahlreiche Fachkräfte die Zeit genommen, an diesem Vorhaben mitzuarbeiten.

© Ostfalia HaW
Das Projekt wurde aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und des Landes Niedersachsen – Regionenkategorie Stärker entwickelte Region (SER) gefördert.

Wie entwickelte sich die Zusammenarbeit?

Messen, einschätzen und bewerten von pflegebezogenen oder pflegerelevanten Zuständen ist der Inhalt pflegerischer Assessments. Die Fachkräfte sichteten nun mit den Wissenschaftler*innen ihre bisherigen Vorgehensweisen. In den Einzel-Gesprächen stellte es sich bald als sinnvoll heraus, zusätzliche Infos zu erfassen und in einem System zu bündeln. Denn nur alle verfügbaren Informationen zusammen ergeben die Chance, bestmögliche Förderungen für die betroffenen Menschen zu entwickeln und zu beantragen. Im konkreten Anlegen von Personen erprobten die Praxispartner*innen die Nutzung und konnten den Wissenschaftler*innen genau rückmelden, welche Details aufgenommen werden sollten. Auf diese Weise entwickelten sich immer mehr Bausteine (Module), die wie Puzzleteile das Gesundheits- und Pflegebedarfsbild des betreuten Menschen vervollständigen.

Diese Fülle an Informationen sollte nicht nur in einem Aktenordner zur Verfügung stehen, sondern flexibel und ortsunabhängig zugänglich sein für alle, die am Versorgungsprozess beteiligt sind. Die Praxispartner*innen wünschten sich eine digitale Erfassung. Mittels Änderungsantrag ließen sich die Fördermittel des Projekts umwidmen. Der Braunschweiger Mediengestalter Jan Frederik Vogt übernahm die digitale Entwicklung und Programmierung. Aus einem Assessment-Tool wurde die I.D.A. App, die auf allen schon vorhandenen Endgeräten jederzeit und überall den Zugriff ermöglicht. Neben den Modulen, aus denen die Einrichtungen jeweils wählen können, gibt es flexible Felder, die es ermöglichen, die App mit bereits bestehenden Systemen zu verbinden.

Noch ein Vorteil in der weiteren Entwicklung des Instruments zeigte sich, als die Corona-Pandemie kam: die Folge-Erhebung war problemlos digital über die entsprechend eingerichteten Feedback-Felder möglich.

© Ostfalia/ METACOM Symbole © Annette Kitzinger

Was bündelt die I.D.A.-App?

Die Abkürzung I.D.A. steht für die drei Bereiche, unter denen relevante Daten gebündelt werden:

Unter I wie Information können z.B. Personendaten, Angaben zur Wohngruppenform oder Geschäftsfähigkeit hinterlegt werden. Unter D wie Dokumentation lassen sich Gesundheitsdetails, zuständige Ärzte oder bisherige Unterstützungsbedarfe sammeln. Unter A wie Assessment lassen sich Module wie „Kognitive Fähigkeiten“, „Sprache und Kommunikation“ oder „Selbständige Lebensweise“ auswählen.

Um das I.D.A. noch praxistauglicher zu gestalten, nutzen und reflektieren die Praxispartner der Einrichtungen „Haus am Wald“ der Lebenshilfe Wolfsburg gGmbH und „Haus Regenbogen“ des Diakonischen Werkes Förderung und Therapie gGmbH in Oldenburg das Instrument auch über den Projektzeitraum hinaus weiter.

Die Ideen zur Weiterentwicklung gehen auch in Richtung einer möglichen Selbsteinschätzung und den Einsatz im häuslichen Bereich für pflegende Angehörige. So verschieden wie die einzelnen zu betreuenden Personen sind, so vielfältig gestaltet sich letztendlich auch die jeweilige digitale Dokumentation.

© Ostfalia HaW
I.D.A. auf YouTube
YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Mein persönliches Highlight zur Entwicklung des Tools ist, dass die Kooperationspartner ein so großes Interesse daran haben und so großartig mitgewirkt haben, dieses Tool auch zu erproben.

Prof. Dr. rer. medic. habil. Martina Hasseler

Wir sind begeisterte Anwender von I.D.A. Der lästige Papierkrieg ist somit besiegt und eine schöne Ordnung und Übersicht hergestellt.

Silke Kolbeck-Lawicka vom Haus Regenbogen des Diakonischen Werks Oldenburg

Man bekommt so eine sehr gute Übersicht, welche Hilfestellungen die Menschen benötigen und inwieweit sie sich unter Umständen auch verändert haben.

Jakob Richter, Wohnbereichsleitung, Evangelische Stiftung Neuerkerode

Erst sieht es nach sehr viel Datenarbeit aus. Doch das Tool ist übersichtlich strukturiert, mit einem guten Leitfaden, an dem man sich orientieren kann.

Saskia Pape, Fachkraft mit organisatorischer Verantwortung, Evangelische Stiftung Neuerkerode
Julia_Krieger © Ostfalia HaW

Die fachliche und umfassende Auseinandersetzung mit der Ermittlung pflegerischer Bedarfe bei Menschen mit geistigen Behinderungen in dem Projekt IDA hat uns im Klinikum Wahrendorff sehr begeistert. So durften wir einerseits mit unserer wissenschaftlichen Abteilung den Entwicklungsprozess mit begleiten und andererseits die Eignung des Instrumentes direkt in der Praxis erproben. Entstanden ist ein umfassendes Assessment, dass fachliche Standards und den Klienten in den Mittelpunkt stellt. Hierdurch wird ein aktiver Austausch zwischen Betreuten und Betreuern gefördert und – im Einklang mit den aktuellen politischen Entwicklungen des BTHG – ein guter und wichtiger Schritt zur Stärkung der Selbstbestimmung und Gesunderhaltung von Menschen mit Behinderung gegangen.

Julia Krieger, Klinikum Wahrendorff, Bereich Forschung und Entwicklung


Nun freue ich mich auf die kontinuierliche Weiterentwicklung gemeinsam mit den Akteur*innen aus der Praxis und insbesondere mit Vertreter*innen der Zielgruppe, damit die App I.D.A zukünftig auch in unterschiedlichen Kontexten ein leicht anwendbares, bedürfnis- und bedarfsangemessenes Einschätzungsinstrument, Dokumentations- und Kommunikationssystem eröffnet.

Lina Stölting, Sonderpädagogin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Lina Stölting, Sonderpädagogin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin © Ostfalia HaW
© Ostfalia HaW